Krankheitsaufstellungen

Die Schulmedizin weiß heute viel über Krankheiten und behandelt auf raffinierteste Weisen deren Symptome. Für jedes Phänomen gibt es einen Namen, jedoch nicht immer einen Behandlungserfolg. Denn ähnliche Symptome haben oft ganz unterschiedliche Ursachen. Selbst die alternative Medizin, die in der Regel nicht das Symptom, sondern den Menschen als Ganzes behandelt, bekommt nicht immer erfolgreich Zugang zu den Ursachen.

Wie wäre es da, die Krankheit, das kranke Organ, das schreckliche Symptom selber zu befragen? Müssten diese nicht am besten wissen, was da krank macht? Wie wäre es, alle an der Krankheit beteiligten Elemente einzuladen, um sie gemeinsam in einen Prozess der Heilung zu begleiten? Unmöglich?

Dies ist genau das, was wir seit vielen Jahren in Krankheitsaufstellungen sehr erfolgreich tun: In Krankheitsaufstellungen stellen sich Stellvertreterlnnen zur Verfügung, um allen Elementen Stimme und Körper zu verleihen, mit denen sie sich ausdrücken können. So stellen wir beispielsweise die betroffene Person, ihre Krankheit, deren Symptome, mit dem Leiden verbundene starke Gefühle, Elemente des sozialen oder räumlichen Umfelds, sowie Parallelen aus der Familiengeschichte auf. Es gibt noch viele weitere mögliche Elemente. Welche die wichtigsten sind, ergibt sich aus jedem einzelnen Fall selbst. Oft geben auch die Intuition der Aufstellungsleitung und die Wahrnehmungen der Anwesenden Hinweise zu wesentlichen, beim Zusammentragen unberücksichtigt gebliebenen Elementen.

Sind alle wichtigen Elemente identifiziert und zueinander in Beziehung gestellt, so beginnt der Prozess der Aufstellung, indem alle Stellvertreterlnnen in sich hineinfühlen und dann nacheinander sie zu ihren Wahrnehmungen von der Aufstellungsleitung befragt werden.

Beispiel:

Eine Stellvertreterin für eine kranke Niere fühlt in sich hinein und teilt uns mit, wie es ihr geht und wie sie alte anderen aufgestellten Elemente empfindet. Indem sie dies tut, stellt sich vielleicht heraus, dass sie friert, Schmerzen hat und sich der „mütterlichen Linie“ (die alle Generationen von Müttem verkörpert, die zum aufgestellten System gehören) zugehörig fühlt.

Dies verursacht bei der Vertreterin für die mütterliche Linie vielleicht Panik. Sie weiß plötzlich, dass sie unendliche Angst unterdrückt und diese von Generation zu Generation weitergibt. Alle aufgestellten Elemente stehen wie zu Eis erstarrt. Die Person, (die die) welche Angst verkörpert, steht der mütterlichen Linie ganz nahe. Wo hat die Angst ihren Ursprung? Die Angst selbst bemerkt vielleicht plötzlich, dass sie sich wie ein kleines Kind empfindet. Ihr ist kalt, sie fühlt sich abgelehnt und irgendwie tot. Die Aufstellungsleitung stellt der mütterlichen Linie das Kind vor und fragt sie, ob sie es kennt. Die mütterliche Linie fühlt tatsächlich eine Verbindung  und auf einmal sehr viel Trauer.

Nun schaltet sich die „väterliche Linie“ (die alle Generationen von Vätern verkörpert, die zum aufgestellten System gehören) ein: in dem Stellvertreter ist Wut aufgestiegen. Er will nicht, dass das Kind „wieder“ alle Aufmerksamkeit bekommt. Es ist doch tot. Es soll endlich Ruhe geben, die Mutter (seine Frau) sich dem Leben zuwenden. Der Stellvertreter empfindet sich als einen einfachen Mann aus der Zeit um die französische Revolution. Als er befragt wird, ob er weiß, wieso das Kind tot ist, stellt sich heraus, dass dieser Mann dafür verantwortlich war. Das Kind war behindert, er hatte sich nicht zugetraut, es zu versorgen. Er sah sein Lebensglück und das seiner Familie gefährdet und fürchtete den Spott der anderen Menschen. Seither unterdrückte er Schuldgefühle für seine lebenszerstörende Tat. Die Mutter wusste nichts davon, doch sie ahnte es, durfte nie trauern, fürchtete um jedes weitere Kind. Ihr Vertrauensverhältnis zu ihrem Mann war seither gestört. Sie wurde bald krank vor Angst und ungelebter Trauer, was den Mann in immer ohnmächtigere Wut versetzte. Was ihn zu dieser Tat getrieben hatte, trat nun ein: das Glück seiner Familie wurde zerstört. Um seine eigene Schuld nicht zu fühlen, lastete er dies weiterhin dem Baby  und seiner Frau an.

Das Baby sehnte sich unterdessen – ungeachtet seines Todes – immer weiter danach, von seinen Eltern gesehen und liebevoll angenommen zu werden. Die Aufstellungsleitung hilft, dass zunächst die Mutter ihr Kind in den Arm nehmen, ihm ihre Liebe zeigen und um es weinen kann. Die kranke Niere fühlt zum ersten Mal große Erleichterung in sich. Nun geht es darum, dass der Vater seiner Tat ins Gesicht sieht. Als er endlich die Mutter und das Baby um Verzeihung bitten kann, geht eine Welle der Erleichterung durch den Raum. Tränen fließen. Die Mutter wendet sich nun der Stellvertreterin zu, weiche die nierenkranke Person vertritt, deren Aufstellung wir hier machen. Sie sagt: „Danke, dass Du meinen Schmerz und meine Angst getragen hast. Beides war für mich allein zu groß, ich hatte keine Ahnung wie ich damit umgehen sollte. Nun musst Du nichts davon mehr tragen.“ Die Niere kommt hinzu, die Mutter (eine UrurUrgrossmutter der Betroffenen?) bittet um Verzeihung und umarmt beide. Auch der Vater entschuldigt sich und dankt den Beiden. Allen beteiligten Elementen auch der Niere geht es nun gut. Die Aufstellung ist beendet.

So ungefähr können Krankheitsaufstellungen sowohl für physische, als auch psychische Leiden aussehen. Niemals sind jedoch zwei Aufstellungen identisch, niemals sind Verlauf und Lösung vorhersagbar. Jede Aufstellung hat ihre ganz eigene Dynamik und ihre ganz individuelle Lösung.

Gelegentlich kommt es vor, dass eine oder wenige Aufstellungen genügen, um die Symptome einer Krankheit aufzulösen. Das ist allerdings nicht immer so. Manche unserer Probleme haben sich über viele Jahre hinweg durch viele Faktoren zusammengebraut. Entsprechend viel Zuwendung brauchen sie auch, um sich wieder zu entwirren. Aufstellungen befreien auch nicht von allen notwendigen Handlungen und Entscheidungen im alltäglichen Leben.

Eine Krankheitsaufstellung zu machen bedeutet, selbst Verantwortung für die eigene Krankheit zu übemehmen, sie nicht mehr wegzudrücken, ihr nicht mehr auszuweichen, sondern ihr mutig und freundlich ins Gesicht zu sehen. Sie wird uns dann schon sagen, wer sie ist, warum sie ist und was sie braucht. Was sich in der Aufstellung zeigt und in wie weit dies die Krankheit auflösen wird, liegt letztlich nicht in unserer Hand. In jedem Fall werden wir aber durch eine Aufstellung innerlich ein Stück weit heilen: wir werden unsere Krankheit besser verstehen, Angst vor ihr abbauen und lernen, unseren kranken Körperteilen liebevoll und respektvoll zu begegnen.